Pressemitteilung

Ein bunter Abschied

VON NADINE WEIGEL

MARBURG. Fabiana und Sidney lassen ihrer Kreativität freien Lauf, Die beiden Jugendlichen sprühen mit lockerer Hand drauflos. Kurze Zeit später prangt ein Graffito an der Hauswand.

GrafittyNadine Weigel

Was sich nach Vandalismus anhört, ist in Wahrheit ein bunter Abschied. Denn die beiden Mädels sprayen auf die Außenfassade des St.-Martin-Hauses (SMH) im Waldtal. Nicht schlimm also. denn das wird in wenigen Wochen ohnehin abqerissen. "Da wir aufgrund von Corona keine große Abschiedsfeier machen konnten, haben die Jugendlichen zumindest so die Gelegenheit, Tschüss zu sagen", erklärt Hausleiterin Stefanie Pipiale.

Mit dem Abriss, der am 3. August starten soll, geht ein Stück wichtige Geschichte in dem Marburger Stadtteil zu Ende. 1914 wurde das St.-Martin-Haus als ökumenisches Sozialzentrum eröffnet und entwickelte sich schnell hin zu einem Zentrum für Kinder- und Jugendarbeit. Das SMH war im oft als "sozialer Brennpunkt" abgestempelten Stadtteil die Anlaufstelle Nr. 1 bei Fragen und Problemen.

Generationen von Kindern sind durch die Räume gegangen, haben Hausaufgabenbetreuung und Bewerbungstrainings in Anspruch genommen', im Jugendclub immer ein offenes Ohr gefunden oder an Hiphop- und Gesangsworkshops teilgenommen.

"Zum Teil werden hier Jugendliche betreut, deren Eltern waren schon hier", sagt Maike Wachtel, stellvertretende Leiterin des Caritasverbandes Marburg. Seit jeher sind die Caritas, die evangelische Elisabethkirchengemeinde und die katholische Kirchengemeinde St. Peter und Paul Träger des St.-Martin-Hauses.

Zum Teil werden hier Jugendliche betreut, deren Eltern schon hier waren.

Wachtel und das Caritas-Team blicken mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf den Abriss. Denn nicht nur für die Kinder und Jugendlichen hat das Haus eine wichtige Bedeutung - auch für die Mitarbeiter. Für sie ist es ein emotionaler Abschied. Manche arbeiten schon fast 30 Jahre in der Einrichtung. So wie Peter Krauskopf, der seit 1993 fest angestellt ist. "Ich wäre ja gern in dem alten Gebäude in Rente gegangen, aber energetisch und baulich hat es dann doch nicht mehr so lange durchgehalten", sagt er lachend und verteilt Mund-Nasen-Schutz an die Kinder, die zum Graffilisprayen kommen.

Krauskopf erinnert sich gern zurück. Vor allem an die vielen Erfolgsgeschichten. Zum Beispiel an die Kinder aus schwierigen Verhältnissen, die den Absprung geschafft, Abitur gemacht und schließlich sogar studiert haben. "Wir haben schon dem ein oder anderen in einen Job verhelfen können" weiß Hausleiterin Pipiane.

WandgemäldeDas Wandgemälde im Flur des St.-Martin-Hauses ist legendär,finden Stefanie Pipiale (links) und Maike Wachtel.Nadine Weigel

Das Caritas- Team freut sich auf den Neubau, denn das Gebäude ist schon lange in die Jahre gekommen. Der Jugendclub im Keller, in dem noch Kicker und Billardtisch stehen, wirkt wie aus der Zeit gefallen: Vergilbtes Spiegelmosaik an den Wänden, abfleddernde Tapete. Und auch das Tonstudio hat offensichtlich schon bessere Tage gesehen, aber bis zuletzt seinen Zweck erfüllt. Dort haben schon die Hip-Hop-Combo "Woodvalley Movement" und auch die Rockabilly-Crew "Bobtown Cats" Musik gemacht.

Mit dem Abriss des alten SMHs geht gleichzeitig auch ein Neustart mit einem zukunftsweisenden Großprojekt für das Waldtal einher. In zwei Jahren Bauzeit soll ein modernes Nachbarschaftszentrum entstehen. "Wir kennen die Pläne und freuen uns sehr auf dieses tolle Haus", betont Wachtel. Während der Bauzeit soll die Kinder- und Jugendarbeit natürlich weitergehen. Es wird vier Übergangsräumlichkeiten geben, in denen die verschiedenen Angebote stattfinden sollen.

Büro und Hausaufgabenbetreuung gibt es in der Sankt-Martin-Str. 19, Jugendclub und Gruppenangebote finden im Ginseldorfer Weg 34, Gruppenangebote im Missionshaus im Ginseldorfer Weg 26a und Kulturarbeit und Musikstudio im Jugendhaus Compass in der Deutschhausstraße 29 A statt.

Mehr Infos im Internet unter www.st-martin-haus.de

Maike Wachtel
Caritasverband Marburg